Weltweit leben Millionen Menschen in Armut – Tendenz steigend. Dieser weit verbreiteten Not begegnen Künstlerinnen und Künstler mit Kreativität und Aktivismus und schaffen eindringliche Werke, die Missstände sichtbar machen, die aufrütteln und provozieren. Sie legen den Finger in die gesellschaftliche Wunde und geben Leid und Prekariat ein Gesicht.Doch wem nützen diese Bilder? Wo verläuft die Grenze zwischen notwendiger Sichtbarmachung und bloßer Zurschaustellung, zwischen sozialdokumentarischem Anspruch und künstlerischer Aneignung?
Trotz ihrer idealistischen Ziele sind Kunstschaffende immer wieder Vorwürfen von Voyeurismus, Verklärung und Ausbeutung ausgesetzt. So zum Beispiel Sebastião Salgado, der mit seinen Fotografien den Blick auf globale Armut prägt, für seine radikale Ästhetisierung des Leids aber auch scharf kritisiert wurde.

Schonungslos zeigt Boris Mikhailov die Randfiguren der postsowjetischen Gesellschaft und lotet mit seinem Werk die Grenzen des Zeigbaren aus.Behutsamere Wege der Sichtbarmachung sozialer Ungleichheit wählen die jungen Künstlerinnen Jana Sophia Nolle und Camille d’Alençon. Auf maximaleProvokation hingegen zielt Aktionskünstler Kristian von Hornsleth, wenn er Obdachlose als menschliche Tamagotchis „verkauft“. Doch was halten die Armutsbetroffenen selber von diesen ambitionierten bis kontroversen Kunstprojekten? Wo ziehen sie die moralische Grenze bei der Darstellung ihrer Lebenswirklichkeit? Die Dokumentation fragt nach unserer Faszination für diese Bilder des Leids und nach der Verantwortung von Kunst. Kann Kunst konkrete Veränderung bewirken oder bleibt sie Teil eines Systems, das Armut sichtbar macht, ohne sie zu überwinden?


ÄSTHETIK DES ELENDS?
ARMUT IN DER KUNST

52 Min, ARTE
44 Min, NDR

Regie: Susanne Radelhof
Kamera: Thomas Eirich-Schneider
Produzent: Irene Höfer
Redaktion: Anett Sager